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Mission mit dem Geigenkasten

Brauchen Bolivianer Beethoven? Sie meinen nein? Severin Parzinger, ein leidenschaftlicher Geigenspieler, hat als „Missionar auf Zeit“ Kindern Musikunterricht gegeben – und erlebt, wie sie ihr Herz für Gott öffneten


Fotos: privat, Frädrich | Fotocollage: cierniochgrafik

Und? Wie war’s?“ Überall wollten Freunde, Verwandte und Bekannte wissen, welches Fazit Severin Parzinger aus den vergangenen 20 Monaten in Bolivien gezogen habe. „Dann bin ich immer etwas überfordert“, sagt der 21-Jährige aus Bergen im Chiemgau. „Es ist schlichtweg unmöglich, die vergangenen zwei Jahre in wenigen Worten zusammenzufassen.“ So viel steht fest: Severins Einsatz als „Missionar auf Zeit“ (MaZ) war ein Erlebnis, das ihn entscheidend geprägt, durchgerüttelt, verändert hat. Von einem „unfassbar großen Schatz vieler Eindrücke“ spricht er. In Gedanken ist Severin immer noch in San Ignacio und San Miguel, an jenen beiden Orten, in denen er den größten Teil seines MaZ-Einsatzes zugebracht hat. In San Ignacio beginnt er mit Spanischunterricht, lernt nebenbei die Menschen der 2004 gegründeten 6000-Seelen- Gemeinde „Maria Asunta“ kennen – ihren Alltag, ihre Mentalität, ihre vielen bunten Feste. Er engagiert sich in der Alten- und Krankenpastoral der Pfarrei, besucht mit Kleingruppen von Jugendlichen regelmäßig ältere Gemeindemitglieder. „Wir haben gemeinsam gebetet und gesungen, getrunken und gegessen“, erinnert sich Severin. „Man merkte, wie dankbar die Leute für unsere Besuche waren.“

Ein wertvoller Gegenstand aus seinem Reisegepäck kommt mehr und mehr zum Einsatz: seine Geige. Seit der vierten Schulklasse ist Severin auf diesem Instrument zu Hause, er war im Musik-Leistungskurs, spielte im Jugendsinfonieorchester und machte beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ mit. Von Anfang an hatte er die Absicht, seinen Einsatz als „Missionar auf Zeit“ unter ein musikalisches Motto zu stellen. Nun bietet sich die Gelegenheit: An der Musikschule im benachbarten San Miguel liegt der Unterricht brach. Severin wird gefragt, ob er Orchester und Chor übernehmen könne, an drei Nachmittagen in der Woche. Der junge Mann aus Deutschland zögert nicht lange, sagt zu und beginnt, die verwaisten Instrumente wieder herzurichten. Fortan kämpft Severin mit der mangelnden Probendisziplin der örtlichen Nachwuchs-Streicher. Denn nicht nur in San Miguel, sondern auch in der Musikgruppe von San Ignacio gibt Severin inzwischen den Takt an. Einzelunterricht, das merkt er schnell, kennen und wollen seine Schüler nicht, ebenso wenig wie heimisches Üben am Instrument. Sie sind kaum an selbstständiges Arbeiten gewöhnt, alle Proben müssen in der Gruppe erfolgen. „Aus deutscher Sicht eine totale Zeitverschwendung. Aber so ist nun mal die Mentalität.“

Bald verbringt Severin jede freie Minute mit Musikproben, bis spät in die Nacht fertigt er Stimmauszüge. Die Teilnahme am Internationalen Barockmusikfestival wird zum Höhepunkt seines musikalischen Auslandsaufenthalts. „Großartig, das erleben zu dürfen.“ Mit seinen Schülern spielt Severin Kammersonaten von Corelli, aber auch Musik aus den ehemaligen Jesuitenreduktionen in der Chiquitanía sowie lokale Folklore – beides Musikrichtungen, die es ihm besonders angetan haben. „Unglaublich, welche tiefe Symbolkraft in dieser Musik lebt“, sagt er. „Leider gibt es nur sehr wenig Interesse seitens der einheimischen Bevölkerung, diese Klänge zu dokumentieren. Sie sterben regelrecht aus.“ Ein Umstand, der Severin dazu bewegt, systematisch Tonaufnahmen der einheimischen Musik zu machen, um sie später als Notentext niederzuschreiben. „Die Aufnahmen waren allerdings schwieriger als gedacht. Damit die meist betagten Musiker bereit waren, mir ihre Musikstücke vorzuspielen und ihr Wissen über die Instrumente preiszugeben, waren hochprozentige Getränke wie Whisky oder Schnaps nötig – zum ,Anfeuchten‘ der Kehle. Leider waren meine Interviewpartner dann allerdings sehr schnell zu munter, um noch richtig singen und spielen zu können.“

Nichtsdestotrotz: Mit rund 100 aufgenommenen Liedern im Gepäck steigt Severin in den Flieger nach Deutschland. „Geh nicht“, haben die Kinder ihm nachgerufen. „Du musst bleiben, wir brauchen dich.“ Dass ihm der Abschied so schwergefallen ist, sieht Severin als Beweis dafür, wie eng und intensiv die Bindungen sind, die er in seiner MaZ-Zeit knüpfen konnte. „Ich bin erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit für alles, was ich erleben durfte“, sagt er. „Ich habe so viel gelernt von den Leuten vor Ort, von ihrer Kultur, von ihrer Lebens- und Denkweise. Vor allem eines: Jeden Moment als besonderes, einmaliges Erlebnis zu genießen.“


Markus Frädrich

PS: Serverin Parzinger hat sich entschlossen, Steyler Missionar zu werden. Im Steyler Kloster St. Michael bereitet er sich derzeit als Postulant auf das Noviziat vor.